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Eine Geschichte aus Wesel

Das Wort weiter

Frau Kreuzberg ist siebenundsechzig. Sie wohnt in Wesel in einer Drei-Zimmer-Wohnung, die für zwei gebaut wurde und nun für eine reicht. Ihr Mann ist vor sechs Jahren gestorben, an einem Donnerstag, im Krankenhaus mit Blick auf einen Hof, in dem nichts wuchs. Seitdem hat sie das Frühstück allein. Sie hat gelernt, dass Marmelade auf einem Brot besser schmeckt, wenn man sie zumindest selbst eingekauft hat, und sie geht jeden Mittwoch zum Markt am Großen Markt, weil dort die Frau am Käsestand sie noch beim Namen kennt.

An einem Mittwoch im April steht Frau Kreuzberg in der Schlange am Bäcker. Vor ihr eine junge Frau mit einem Kind, das eine kleine Brezel umklammert, als wäre sie wertvoll. Hinter ihr zwei ältere Männer, die sich über das Wetter beschweren, wie Männer das tun, wenn sie nichts Genaueres zu sagen haben. Frau Kreuzberg hört nicht zu. Sie wartet.

Dann hört sie eine Stimme, weiter hinten in der Schlange. Eine Frau, vielleicht in ihrem Alter, vielleicht ein bisschen jünger. Die Frau sagt zu jemandem, den Frau Kreuzberg nicht sehen kann

„Ich sag's Dir, Anneliese, geh hin. Das Café in der Pfarrstraße. Die haben einen Apfelstrudel, der schmeckt wie der von meiner Mutter. Wirklich. Ich war zweimal letzte Woche."

Frau Kreuzberg hat keine Mutter mehr, die einen Apfelstrudel macht. Ihre Mutter ist seit dreißig Jahren tot. Aber sie hat das Wort gehört, und das Wort ist im Vorbeigehen in ihrem Kopf hängen geblieben wie ein Blatt am Mantel. Sie kauft drei Brötchen und ein Stück Streusel. Sie geht nach Hause. Sie räumt den Markt-Beutel ein. Sie denkt nicht weiter über den Apfelstrudel nach.

Drei Tage später, am Samstag, ruft ihre Tochter aus Berlin an. Wie immer. Was machst Du heute, fragt die Tochter, und Frau Kreuzberg sagt, sie weiß es nicht, vielleicht ein Buch, vielleicht in den Hof. Die Tochter sagt, geh doch mal raus, Mutti, geh in ein Café. Frau Kreuzberg sagt, ja, vielleicht. Sie meint es nicht, sie sagt es nur, damit die Tochter nicht weiterfragt.

Aber als sie auflegt, fällt ihr das Wort von Mittwoch wieder ein. Pfarrstraße. Apfelstrudel wie von der Mutter. Sie zieht ihren guten Mantel an. Sie geht.

Das Café in der Pfarrstraße ist klein. Fünf Tische, eine Theke aus dunklem Holz, ein junger Mann hinter der Theke, der nicht von Wesel ist, aber gut Deutsch spricht. Der Apfelstrudel ist nicht wie der von Frau Kreuzbergs Mutter. Frau Kreuzbergs Mutter hat ihren Apfelstrudel mit Rosinen gemacht, und die Rosinen waren immer zu süß. Dieser hier hat keine Rosinen. Er ist nur Apfel und Zimt und ein bisschen Mandel.

Aber er ist gut. Frau Kreuzberg sitzt am Fenster und isst ihn, und am Nebentisch sitzt eine andere Frau, allein, die auch einen Apfelstrudel isst, und sie schauen sich kurz an, und Frau Kreuzberg sagt, weil ihr nichts Besseres einfällt

„Schmeckt der Ihre auch so gut?"

Die Frau nickt. Sie heißt Frau Hagen. Sie wohnt drei Straßen weiter. Ihr Mann ist auch gestorben, vor vier Jahren, an einem Sonntag.

Sie reden eine Stunde. Sie tauschen ihre Telefonnummern. Sie verabreden sich für den nächsten Mittwoch.


Das ist die ganze Geschichte.

Niemand hat etwas gekauft, das beworben wurde. Niemand hat einen Algorithmus benutzt. Niemand hat eine App geöffnet. Eine Frau hat in einer Bäckerei einer anderen Frau gesagt, das Café in der Pfarrstraße ist gut. Eine dritte Frau hat das Wort aufgenommen, drei Tage später hingegangen, und an einem Tisch eine vierte gefunden.

Was die vier Frauen gemacht haben, war Werbung. Niemand hat sie dafür bezahlt. Niemand hat es gemessen. Niemand wird je wissen, dass das Café in der Pfarrstraße diesen Samstag eine Kundin mehr hatte, weil im Bäcker am Markt jemand seinen Apfelstrudel gelobt hat.

Außer dass jetzt jemand es weiß, weil diese Geschichte aufgeschrieben wurde.

Das ist, was WoM4U messen wird, wenn es fertig ist. Nicht die Werbung. Die Wirkung der Werbung. Nicht den Lärm. Das Wort weiter.

Eine versteckte Seite. Wer sie findet, hat genau hingeschaut.